|
Der Bauch fühlt mit
Zwei Drittel aller Menschen, die wegen Bauchbeschwerden einen Arzt aufsuchen, sind organisch gesund. Der Arzt kann weder eine Entzündung noch ein Geschwür feststellen. Alles Einbildung? Nein, sagt die neuere Forschung. Der Bauch eines jeden Menschen hat seine individuelle Gefühlswelt. Sein Glück genießt er still, gegen Ungemach rumort er gereizt.
Nichts genaues der Reizmagen
Es gibt Wörter in der Medizin, die klingen bedeutungsschwer und meinen doch nur, dass der Arzt nichts genaues feststellen kann. "Idiopathisch" ist so ein Wort. Es will sagen, dass die Ursachen nicht erkennbar sind. Das galt lange Zeit für die verschiedensten Magenbeschwerden, zusammengefasst als Reizmagen benannt.
Forscher fanden das Bauch-Hirn
Für den Magen-Darm-Bereich entdeckte man ein eigenes und unabhängiges Bauch-Hirn. Arzneimittelhersteller haben eigene Forschungsanstrengungen unternommen, um die Wirkungen von pflanzlichen Medikamenten zu erforschen. Andere wollen in Zukunft sogar das Bauch-Hirn selbst therapieren.
Übelkeit, Völlegefühl und Brechreiz statt Tränen
Das Verdauungssystem wird beherrscht von etwa 100 Millionen Nervenzellen, die quasi als zweites und teilweise vom Kopf unabhängiges Gehirn und Gemüt funktionieren. Sie fühlen mit bei allem, was im Verdauungstrakt passiert. Statt mit Tränen reagiert das Bauch-Hirn mit einem ganzen Spektrum von Symptomen: Übelkeit, Völlegefühl, Brechreiz und / oder Blähungen.
Frauen leiden häufiger unter Beschwerden
Reizmagen oder "dyspeptische Beschwerden" lautet dann die Diagnose. Mit dem Alter kommen die Beschwerden häufiger, bei Frauen zwei- bis dreimal öfter als bei Männern. Und genau so unterschiedlich wie Menschen an sich auf ihre Umwelt reagieren, tut dies auch der Magen: der eine gelassen, der andere aufgeregt. Die traditionelle indische Medizin ordnet bestimmten Menschentypen je nach ihrem emotionalen Verhalten sogar geeignete Lebensmittel und Zubereitungsarten zu.
Hohe Empfindlichkeit, niedrige Schmerzschwelle
Wer unter einem Reizmagen leidet, bei dem der Arzt keine organischen Ursachen dafür findet, hat vermutlich eine messbar erhöhte Empfindlichkeit sowie erniedrigte Schmerzschwelle von Magen- und Darmwand. Die Schmerzschwelle kann bei Frauen im Laufe des Zyklus schwanken. Stress, Ärger und Angst machen für Schmerzen empfindlicher. Insofern arbeiten Kopf- und Bauchhirn zusammen. Die Schmerzen und die Angst vor einer schlimmen Krankheit treiben die Leidenden dann zum Arzt. Gut so. Denn nur so kann der Arzt zu der beruhigenden Diagnose kommen: organisch alles gesund.
"Nervöser" Magen ernst genommen
Pharmafirmen sind dabei, Medikamente für das Bauch-Hirn zu entwickeln. Die sollen das Nervenhormon Serotonin beeinflussen. Ähnliche Arzneimittel gibt es schon gegen Depressionen, gegen Fettsucht und zum Abgewöhnen des Rauchens. Gegen den Reizmagen konnten sie noch nicht auf den Markt kommen, weil bei diesen speziellen Wirkstoffen zu viele Nebenwirkungen in den Studien vorkamen. Dass die Forschung zum Thema Reizmagen auf Hochtouren läuft, spricht dafür, dass das Leiden wirklich ernst genommen wird. Solange es also diese modernen Arzneimittel nicht gibt, bleibt in der Regel die Selbstmedikation mit rezeptfreien und oft pflanzlichen Mitteln aus der Apotheke.
Arzneipflanzen gegen Reizmagen
Die "Pharmazeutische Zeitung" veröffentlichte die folgende Liste aller wirksamen Heilpflanzen gegen Reizmagen, die man einzeln oder in Kombinationen, als Tee oder in fertigen Arzneimitteln in der Apotheke bekommt:
- Angelikawurzel
- Anis
- Artischockenblätter
- Curcumawurzelstock
- Enzianwurzel
- Fenchel
- Galgant
- Harongarindenblätter
- Ingwer
- Kamillenblüten
- Kardamom
- Kümmel
- Lavendelblüten
- Löwenzahn
- Melissenblätter
- Pfefferminze
- Pommeranzenschale
- Rosmarin
- Schafgarbenkraut
- Tausendgüldenkraut
- Wermutkraut
Beschwerden exakt schildern
Die Mittel haben unterschiedliche Wirkungsschwerpunkte. So helfen Kümmel, Fenchel und Anis vorrangig gegen Blähungen. Gelbwurz und Artischocke wirken auf das Gallensystem und helfen so bei Beschwerden durch fettes Essen. Wenn Sie Ihrer Apothekerin oder Ihrem Apotheker Ihre Beschwerden schildern, finden diese genau das richtige Medikament für Sie.
Sind Lebensmittel schuld?
Es muss auch nicht immer etwas Pflanzliches sein. Gegen Blähungen beispielsweise helfen auch synthetische Stoffe, die das Luftgemisch im Bauch zusammenfallen lassen wie alten Bierschaum. Auch in Kombination mit Enzymen hilfreich. Manchmal hilft es, die Reaktionen des Magens auf bestimmte Lebensmittel zu beobachten. Milchzucker, Fruchtzucker oder Zuckerersatz wie etwa Sorbitol, aber auch Alkohol, Koffein und fette Mahlzeiten machen manchmal Durchfall und Bauchschmerzen.
|
|
|